GEGOSSENE ZEITGENOSSEN

Gegossene Zeitgenossen

In Lübeck ist es Tradition, Denkmäler zu verrücken. Manchmal werden Dichter aus verkehrstechnischen Gründen versetzt, in anderen Fällen ist der politische Zeitgeist schuld.

Doch ob man Denkmäler gut oder schlecht findet – es sich immer Zeitzeugen und damit Denkmäler im besten Sinne.

Unbekannter Dichter?

Unter dem Zeitgeist hatte auch das Denkmal des Lübecker Dichters Emanuel Geibel zu leiden. Der Dichter (1815 – 1885) blickte ursprünglich direkt vom Koberg auf seine Leser hinunter, wurde dann aber in den 1930er Jahren aus Gründen der Verkehrsführung direkt neben das Heiligen-Geist-Hospital verpflanzt und wurde, mehr oder weniger, vergessen. Geibel sollte eigentlich lange bereits wieder auf dem Koberg stehen, doch daraus wurde leider nichts. Und heute scheint mit dem Lübecker Dichter (“Der Mai ist gekommen”) niemand mehr etwas anfangen zu wollen. Oder zu können.

Historischer Bahnhofsvorsteher

Wer vom Holstentor zu Fuß in Richtung Hauptbahnhof unterwegs ist, muss zwischen zwei weitere Denkmäler durch. Es handelt sich dabei um Otto von Bismarck (1815 – 1898) und Kaiser Wilhelm I. (1797 – 1888), auf seinem Ross. Der frühere Reichskanzler Bismarck wurde von dem, seinerzeit als

am Lindenplatz

Meister seiner Zunft berühmten Berliner Bildhauer Hans Hundrieser geschaffen. Immerhin 32.000 brachten Lübecker Bürger nach einer Sammlung für das Denkmal auf. Ein Wunsch, ganz gemäss dem Kult, der um den Reichskanzler nach dessen Tod einsetzte.
Sein Bismarck-Denkmal stand ursprünglich einmal ganz woanders, nämlich genau zwischen Holstentor und dem ersten Lübecker Bahnhof, der sich an der heutigen Kreuzung Holstentorplatz und Possehlstrasse befand. Zur feierlichen Einweihung des Lübecker Bismarck-Denkmals am 2. September 1903 erschienen rund 20.000 Besucher, wenn man dem Bericht in den “Vaterstädtischen Blättern” glauben kann.
Nach Verlagerung des Bahnhofes und Umgestaltung des Holstentorvorplatzes musste Bismark 1934 wandern und wurde auf seinen heutigen Platz, auf den letzten Rest des ehemaligen botanischen Gartens am Lindenplatz versetzt.

Wilhelm Eins! – Nicht Zwo!!!

Der Grundstein des Kaisers auf seinem Pferd wurde ebenfalls völlig woanders gelegt, nämlich auf dem Markt, und zwar im Jahre 1897. Bereits 1888 beschloss der Lübecker Senat, seinem Monarchen in der Hansestadt eine Bronzeplastik zu stiften. Als Bildhauer wurde Louis Tuaillon (1862 – 1919) dafür ausgewählt.
Doch sollte es nach der Grundsteinlegung noch erheblich dauern, bis das Denkmal fertig gesellt werden sollte. Bereits die Anlage des Gussmodells verzögerte sich, konnte dann aber 1916 fertiggestellt werden.

am Geibeldenkmal

Doch dann kam es zum Ersten Weltkrieg, deren den Guss verhinderte. Es war kein Rohstoff vorhanden, da alle Metalle aufgrund des Krieges beschlagnahmt waren. 1921 war das Werk dann schließlich vollendet und Kaiser Wilhelm saß fest in seinem bronzenen Sattel. Allerdings wollte jetzt, nachdem mittlerweile des Kaisers Enkel, Kaiser Wilhelm II, abdankte und ins holländische Exil gejagt wurde, keiner mehr dieses monarchistische Prachtstück haben.

Schließlich sollte auch des Kaisers Doppelgänger ein würdiges Asyl bekommen, ganz in der Nähe der Hansestadt. Der damalige Pächter des Gutshofes Niendorf-Reecke stellte das Denkmal auf seinen Hof. 1934 wanderte der reitende Kaiser dann wieder auf seinen heutigen Platz, gegenüber dem ehemaligen Reichskanzler Bismarck.

Und es kann sicher als Glück bezeichnet werden, dass sich diese beiden künstlerischen Geschichtsspuren im Stadtbild erhalten haben.

Dichterdenkmal, versteckt neben dem Heilig-Geist-Hospital

 


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